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Auszeichnung für den Begründer der geistlichen Bewegung Sant’Egidio

Charisma 149 > Aus dem Magazin

Friedrich Aschoff
Andrea Riccardi erhält den Karlspreis 2009
Auszeichnung für den Begründer der geistlichen Bewegung Sant’Egidio

Professor Riccardi empfing an Christi Himmelfahrt in Aachen eine der angesehensten Auszeichnungen, die Europa zu vergeben hat: den „internationalen Karlspreis zu Aachen“ (vgl. S. 6/7).

Damit wurde vor allem sein Engagement im Sinne des Friedens und der christlichen Nächstenliebe und der aktiven sozialen Hilfe gewürdigt. „Wir werden einen nicht unpolitischen, aber etwas anderen Karlspreis erleben“, hatte Jürgen Linden (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Aachen, im Vorfeld angekündigt.

Riccardi steht damit als bekennender Christ und Gründer einer christlichen Bewegung in der langen Reihe bedeutender Politiker wie Adenauer, Churchill, de Gasperi und Schumann, aber auch Tony Blair und Bill Clinton und zuletzt unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel (2008). Als geistlicher Vorgänger ragt vor allem Roger Schutz (1989), der Gründer von Taizé, hervor.
Der Internationale Karlspreis zu Aachen wurde erstmals 1950 und in diesem Jahr zum 50. Mal vergeben. Er ist der älteste und bekannteste Preis, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet werden, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben.

Namensgeber ist Karl der Große, der als Einiger Europas gilt. Im 8. Jahrhundert erwählte er Aachen zu seiner Lieblingspfalz und ließ den Aachener Dom erbauen. Die Auszeichnung wird traditionell am Fest Christi Himmelfahrt im Krönungssaal des Aachener Rathauses vom Oberbürgermeister der Stadt Aachen verliehen und ist ein Bürgerpreis.

Ein anderer 68-er
Schon 1968 als Gymnasiast hat sich Andrea Riccardi zusammen mit Freunden und Mitschülern im römischen Stadtviertel Trastvere für die Armen der Stadt eingesetzt. Bald gründeten sie eine christliche Gemeinschaft, die den Namen des ehemaligen Klosters Sant’Egidio annahm. Sie verteilten an bedürftige Menschen Essen und Kleidung. Das war ihre Reaktion auf die Unruhe, die damals die Jugend in Westeueropa ergriffen hatte. Aus dem Geist der Bergpredigt Jesu verwirklichten sie Nächstenliebe dort, wo sie die Nöte der Menschen sahen. Dabei ging es ihnen nicht darum, Almosen zu verteilen, sondern Menschen zur Selbsthilfe zu ermutigen. Einer der Grundsätze Riccardis ist: „Keiner ist so arm, dass er nicht dem Nächsten helfen kann.“

UNO von Trastevere
In Rom begegneten sie vielen Bürgerkriegsflüchtlingen aus Afrika, die zu den Kriegsgegnern auf beiden Seiten gehörten. Durch ihre selbstlose Hilfe und die geduldige Bereitschaft zuzuhören gewannen sie das Vertrauen der Flüchtlinge. Höhepunkt war der Friedensschluss im Bürgerkrieg von Mosambik im Jahr 1992, der einen viele Jahre dauernden blutigen Krieg mit über einer Million Todesopfern beendete. Er wurde im Kloster Sant’ Egidio mit Vertretern der Bürgerkriegsparteien, der Regierung von Italien und der Gemeinschaft von Sant’Egidio geschlossen und er funktioniert bis heute! Das brachte der Gemeinschaft den Namen „UNO von Trastevere“ ein. So begann eine sich in viele Länder vor allem Afrikas ausdehnende Initiative der Nächstenliebe.

Abseits diplomatischer Hauptstraßen
Bei der Begründung des Karlspreises für Professor Andrea Riccardi heißt es, Riccardi habe „abseits der diplomatischen Hauptstraßen“ viele andere diplomatische Aufgaben in den Konfliktherden der Welt übernommen – so in Algerien, Burundi, Guatemala, Uganda, im Kongo und im Kosovo. Dabei habe er die europäischen Werte Frieden, Freiheit und Menschenwürde in die Welt getragen. Auch in Italien forderte Riccardi die Integration von Flüchtlingen in die italienische Gesellschaft. Er kümmert sich auch bei seinen Besuchen in den Flüchtlingscamps um Flüchtlinge und ihre Nöte.

Miteinander für Europa – Stuttgart 2004 und 2007

Bei den beiden Kongressen der geistlichen Bewegungen Miteinander für Europa 2004 und 2007 in Stuttgart hat Andrea Riccardi eine führende Rolle gespielt. Zusammen mit der vor einem Jahr verstorbenen Gründerin der Fokolar-Bewegung Chiara Lubich hat er dem Treffen entscheidende Impulse gegeben für den gesellschaftlichen Auftrag der Christen in Europa.

Er gehört zweifellos heute zu den einflussreichsten geistlichen Persönlichkeiten unserer Zeit und ist dabei persönlich sehr bescheiden geblieben. Wer ihm begegnen möchte, braucht nur werktags um 19 Uhr in die Kirche Santa Maria in Trastevere gehen, wo er sehr oft die Verkündigung hält und sich an den Gebeten beteiligt. Dabei wird deutlich, woher sein Engagement kommt: aus einer sehr intensiven Beziehung zu Jesus Christus und dessen Bergpredigt. Dies bezeugt auch sein 2002 auf Deutsch im Herder-Verlag erschienenes Buch
„Salz der Erde, Licht der Welt“, Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert. Darin verbindet sich sein Engagement als Christ mit seinem Beruf als Professor für Geschichte der Universität Rom III.

In seiner Bedeutung ist er durchaus mit dem Gründer von Taizé, Roger Schutz, zu vergleichen, der fast zwei Generationen junger Christen tief beeindruckt und geprägt hat. Selten hat eine Persönlichkeit den Karlspreis so sehr verdient wie der Römer Andrea Riccardi.


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