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Fragen an Jan Schlegel, JMEM Herrnhut
Charisma-Gespräch mit Jan Schlegel
– Leiter von Jugend mit einer Mission, Herrnhut
Zur Erläuterung: In dem anlässlich des 50. JMEM-Jubiläums geführten Interviews wurde überwiegend die internationale Bezeichnung Youth With a Mission (YWAM) gebraucht.
Charisma: Wir haben gehört, die YWAM-Missionsschule in Herrnhut soll die best besuchteste Jüngerschaftsschule in der ganzen Welt sein. Stimmt das?
Jan, etwas verlegen lachend: Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich vermute, es gibt größere Jüngerschaftsschulen in Australien, in Hawaii, in Korea, vermutlich auch in Brasilien.
Charisma: Wie erklärst du dir das rege Interesse an solch einem kleinen Ort in einer verlassenen Gegend?
Jan: Ich denke, worin wir stark sind, ist Vision. Wir geben jungen Leuten eine Vision, wir rufen sie, wir bringen ihnen das Vertrauen entgegen, dass auch sie in der Lage sind, Gottes Stimme zu hören und umzusetzen. Wenn wir in Gemeinden Einsätze machen, rufen wir junge Leute und mobilisieren sie. Leute spüren einfach, wo Vision ist und wo ein Platz ist, an dem sie sich entfalten und wachsen können und guten Input bekommen.
Eine Untersuchung, die wir mit der Fragestellung durchführten, warum die Jüngerschaftsteilnehmer zu uns kommen, zeigte, dass es durch Mundpropaganda, d.h. überwiegend durch persönliche Empfehlung geschieht.
Ein anderer Grund ist unser Schwerpunkt auf Kunst. Wir haben eine Jüngerschaftsschule für Fotografie, eine Video-Jüngerschaftsschule, eine Fine-Art-Jüngerschaftsschule. Die Kunst scheint das zu sein, was viele im Augenblick anspricht.
Charisma: Eigentlich war euer Schwerpunkt doch Mission. Ist dann die Kunst hinzugekommen oder verbindet sich die Kunst mit der Mission?
Jan: Am besten lässt sich das erklären mit Fotografie. Junge Leute wollen fotografieren lernen. Vielleicht nicht unbedingt auf einem professionellen Level, aber sie wollen fotografieren können. Und das vor allem im Zusammenhang mit Mission. Wenn sie dann auf dem Missionseinsatz sind, dass sie dann gutes Bildmaterial schaffen können, damit sie ihren Gemeinden zeigen können, wo sie waren und was sie gemacht haben und wo sie von den Menschen erzählen können, die sie getroffen haben.
Kunst scheint die Sprache der Jugend zu sein, die sie untereinander verbindet, ganz gleich, woher die einzelnen kommen. Sie kennen dieselben Künstler, dieselben Musiker, dieselben Schauspieler und das verbindet sie einfach. Da gibt es keine Grenzen mehr. Wir empfinden Kunst als etwas, was Gott zur Zeit besonders betont. Es ist wie ein Ruf an den Leib Christi, die Kunst neu in den Dienst Gottes zu stellen.
Charisma: Du hattest ja vor Jahren den Gedanken – oder soll ich sagen den Auftrag, die Vision – ein YWAM-Center in Herrnhut aufzubauen. Warum gerade hier?
Jan: Herrnhut ist von der Missionsgeschichte her natürlich ein bedeutender Ort. Das ist definitiv für uns eine große Inspiration, zu wissen, was hier im 18. Jahrhundert geschehen ist. Allerdings darf man nicht vergessen, dass dies nun 250 oder mehr Jahre zurückliegt. Wir wollen nicht auf einer romantischen Welle dahergleiten, sondern wir glauben, dass Gott Neues tut, dass Gott neue Leute ruft, wirklich neue Dinge zu tun, um sein Königreich zu bauen.
Für uns ist der Ort einfach eine Inspiration. Doch die meisten jungen Leute, die hier her kommen, wissen bei ihrer Ankunft noch gar nichts oder kaum etwas über Zinzendorf und die Geschichte Herrnhuts. So ist das also nicht der ausschlaggebende Grund, warum sie gerade hier her zur Jüngerschaftsschule kommen. Sie hören dann im Unterricht von uns darüber.
In einem Fragebogen für die Teilnehmer der Jüngerschaftsschule wollten wir u.a. wissen, ob die Geschichte Herrnhuts ein ausschlaggebendes Moment dafür war, hierher zu kommen. Von 100 Personen war es eine einzige Person aus den USA, auf die das zutraf.
Charisma: Aus welchen Ländern kommen denn die meisten Studierenden?
Jan: Wir haben einen großen Teil aus Deutschland, ca. 35 %. Ein Drittel kommt aus der EU wie Österreich, Schweden, Tschechien, Schweiz, England, Finnland, Polen. Das andere Drittel ist aus den Amerikas, von Kanada bis Südamerika. Ich denke, hier sind knapp 30 Nationen vertreten.
Charisma: Habt ihr im Hinblick auf die konfessionelle Zugehörigkeit auch eine Analyse?
Jan: Das wird bei uns gar nicht thematisiert. In dem Anmeldebogen für die Jüngerschaftsschule wird lediglich nach der Gemeindezugehörigkeit gefragt bzw. in welcher Gemeinde der Bewerber aktiv ist, und das wird hauptsächlich deshalb gefragt, damit man in gewissen Situationen sich an die Heimatgemeinde wenden kann. Was die Konfession angeht, haben wir wirklich Leute aus einem breiten christlichen Spektrum bei uns – selbst von den Armish People.
Charisma: Wenn man eine Jüngerschaftsschule von 6 bis 7 Monaten absolviert hat, empfiehlst du dann, das Gelernte in der eigenen Gemeinde umzusetzen oder würdest du die Teilnehmer lieber zu weiteren und größeren Herausforderungen motivieren?
Jan: Wir haben weiterführende Kurse. Unser Focus ist, Missionare in die bedürftigsten Gebiete der Welt zu rufen und dafür auszubilden. Unser ganzes Kursprogramm ist darauf zugeschnitten. Wenn also jemand einen Ruf in die Mission hat, kann er bei uns weitere Schulungen besuchen oder in einem der anderen Jungend-mit-einer-Missions-Zentren. Ich würde sagen, etwa die Hälfte der Studenten geht zurück in die eigene Gemeinde, um vor Ort Licht und Salz zu sein. Viele bleiben jedoch auch hier, um weitere Kurse zu besuchen oder bleiben als Mitarbeiter hier. Wir haben mit acht Leuten hier im Wasserschloss angefangen und sind jetzt mehr als hundert Mitarbeiter.
Charisma: Ist es nicht so, dass man als Jugendlicher von seinem ersten missionarischen Auslandseinsatz oft so angesprochen ist, dass man am liebsten dort weiter mithelfen möchte? Wie kann man aber sicher sein, dass die Entscheidung weder der persönlichen Emotionalität noch dem Druck der Gruppe (in diesem Fall YWAM) entspringt?
Jan: Normalerweise ist es so, dass Leute eher froh sind, wenn sie von einem Einsatz zurück sind, weil sie dort gemerkt haben, wie hart es auf dem Missionsfeld ist. Natürlich sind auch viele begeistert – besonders davon, dass Gott durch sie in neuer, ungewohnter Weise gewirkt hat. Manche sahen sich vor die Frage gestellt: „Will ich solch ein Leben auf mich nehmen oder nicht?“ Einen schwärmerischen Enthusiasmus habe ich bisher nicht feststellen können.
Nach solchen Einsätzen haben wir eine zweiwöchige Auswertungszeit (breefing). Hier wollen wir festzustellen: „Wo steht der Einzelne? Was hat ihn bewegt? Wo fühlt er sich angesprochen? Welche Fragen hat er? Gibt es Ängste und Unsicherheiten?“ Da wollen wir individuell weiterhelfen.
Charisma: Wenn man sich berufen fühlt, auf dieser „missionarischen Schiene“ weiter zu machen, welche Möglichkeiten bietet dann YWAM?
Jan: Üblicherweise läuft das so ab: Jemand sagt: „Ich spüre, da ist etwas für mich, aber ich brauche mehr Vorbereitung. Ich bin mir noch unsicher.“ (Denn sechs Monate Jüngerschaftsschule wird nicht alle Fragen im Leben beantworten. Das ist nicht realistisch. Jesus hat seine Jünger 2 ½ Jahre in Vorbereitung gehabt. Wir können das nicht in sechs Monaten.) Dann raten wir, dass die Person als Mitarbeiter/in zu uns kommt und wir dann gemeinsam schauen: „Welche Module an Schulung benötigst du?“
Wir hatten zum Beispiel ein Mädchen, das gern medizinisch, am liebsten als Hebamme arbeiten wollte. Da fragten wir sie, ob sie sich vorstellen könnte, einen Kurs an der University of the Nations [der geistlichen und geistigen Zentrale von YWAM in Kona, Hawaii, Red.] zu belegen mit einer Hebammenausbildung für das Missionsfeld, wo es selten eine Klinik gibt. Sie hat dann diesen Kurs belegt.
Man kann sich bei dem weltweiten Angebot von YWAM die Kurse heraussuchen, die man am geeignetsten findet, um die persönliche Berufung zu fördern.
Manchmal arbeiten wir auch mit anderen Missionsgesellschaften zusammen wie zum Beispiel Wycliff. Ein Team von uns, das nach Afrika ging, hat zuerst eine sprachliche Vorbereitung bei Wycliff Deutschland absolviert.
Was ein Schwerpunkt bei uns ist: Wir wollen nicht Einzelkämpfer aussenden, sondern Teams. Deshalb sind wir bestrebt, dass sich während der Vorbereitungszeit Teams finden und diese zusammenwachsen und dann rausgehen. Ein Beispiel: Andreas und Annemarie haben hier die Jüngerschaftsschule besucht und anschließend empfunden, dass Gott sie nach Äthiopien beruft. In einem Zeitraum von drei Jahren, in dem sie selbst weiter zugerüstet wurden, haben sie dann ein Team aufgebaut, Schulungen gemacht. Letztes Jahr konnten wir dieses Team mit acht Personen nach Süd-Äthiopien aussenden.
Charisma: Wenn jemand als Mitarbeiter zu euch kommt, muss er ja von irgend woher das nötige Kleingeld haben. Normalerweise wird er von seiner Heimatgemeinde bzw. von Freunden und Bekannten, die aber auch oft zur Heimatgemeinde gehören, unterstützt – oder?
Jan: Wir haben einen Arbeitszweig hier, der sich hauptsächlich um den Aufbau von Teams und den Kontakt zu Gemeinden in Deutschland kümmert. Als zum Beispiel Andreas und Annemarie ihren Eindruck mitteilten, in Äthiopien tätig werden zu wollen, kümmerte sich dieser Arbeitszweig darum, mit ihnen gemeinsam nach und nach ein Team dafür aufzubauen. Dabei müssen auch praktische Fragen wie Unterhalt, Versicherung sowie das Verhältnis zur Heimatgemeinde geklärt werden. Dabei ist es auch wichtig, die Gemeinde nicht nur für eine persönliche Unterstützung ihres Mitgliedes, sondern auch für das jeweilige missionarische Projekt zu gewinnen. Bei dem Äthiopien-Projekt klappte das wunderbar.
Charisma: Wird bei Entscheidungen hinsichtlich der weiteren Zukunft eines potenziellen YWAM-Mitarbeiters die Gemeindeleitung des Betreffenden mit zu Rate gezogen?
Jan: Im Falle des eben genannten Äthiopien-Teams sind die Gemeinden mit einbezogen worden. Für uns ist es generell wichtig zu wissen: „Was denkt die Gemeinde, was denken die Ältesten?“ Wir ermutigen unsere Mitarbeiter, den Dialog mit ihren Gemeinden zu suchen. Doch ist es von Fall zu Fall unterschiedlich. Es hängt auch davon ab, wie stark die Person in der Gemeinde involviert gewesen ist. Hinzu kommt, inwieweit eine Gemeinde das Anliegen von JMEM bejaht und aufgreifen möchte.
Charisma: Das Äthiopien-Team mit Andreas und Annemarie ist aber nicht euer einziger Wirkungsbereich in Äthiopien?
Jan: Letztes Jahr haben wir zwölf Leute ausgesandt nach Äthiopien. Acht davon gingen, wie schon erwähnt, nach Süd-Äthiopien. Sie waren zuerst in Adis-Abeba, um dort die Sprache zu erlernen, doch selbst während dieses Sprachstudiums fuhren sie immer wieder in den Süden, um dort ihren geistlichen Auftrag wahrzunehmen. Sie haben dann ein Haus – aus Lehm – als Stützpunkt in dem Dorf gebaut, das ihr Wirkungsort werden soll.
Ganz neu entstanden durch eine Jüngerschaftsschule ist ein Team, das sich um die Jugendlichen der Müllkippe von Addis-Abeba kümmert. Bis jetzt arbeiten wir in diesem Projekt mit einheimischen Missionaren zusammen. Kurzzeit-Teams von uns waren bereits dort. Nun bereiten sich drei Mitarbeiter auf einen Langzeiteinsatz vor.
Charisma: Jan, was ist das Ziel bei solchen Missionseinsätzen?
Jan: Als wir die Gruppe auf der Müllkippe fragten, was ihre größte Not sei, antworteten sie: „Wir brauchen jemand, der uns aus der Bibel unterrichtet.“ Darauf haben wir uns gern eingelassen: Wir wollen ihnen das Wort Gottes weitergeben, mit ihnen leben, sie begleiten und in einen Prozess der Jüngerschaft hineinnehmen, damit sie im Glauben wachsen können.
Charisma: Und dazu kommt der karitative Aspekt?
Ja. Da die Kinder und Jugendlichen auf dem Müll und von dem Müll leben, liegt es uns natürlich daran, sie vom Müll weg zu bekommen. So haben wir dort ein Haus gemietet und darin eine kleine T-Shirt-Produktion gestartet. Das ist zuerst einmal für Mädchen. Sie können dort duschen, essen und erhalten auch Unterricht. Das ist ein sicherer Ort für sie und durch die T-Shirt-Produktion trägt sich das ganze Projekt.
Außerdem erhalten die Kinder und Jugendlichen auch Englischunterricht. Englisch ist wichtig für sie, damit wir direkt mit ihnen reden können und es öffnet ihnen die Türen überallhin. Die Kleineren von ihnen sollen in die Schule gehen und die Größeren sollen die Möglichkeit haben, eine Ausbildung und gutes Auskommen zu erhalten.
Charisma: Diese Art von biblischer Lehre, Hilfe und Vermittlung nennt ihr dann Jüngerschaft?
Jan: Genau. Es gibt zwei Gruppen dort: Zum einen die Mädchen. Sie leben bei ihren Verwandten, während die Jungens auf dem Müll leben. Wir versuchen, die Jungens raus zu holen und ihnen ebenfalls eine Alternative anzubieten. Die Jungens suchen Hilfe. Sie wünschen sich eine Hühnerfarm, wo alle mitarbeiten können. Das ist alles am Entstehen.
Charisma: Entsteht daraus dann eine Gemeinde?
Jan: Diese Gemeinschaft dort ist eine Gemeinde.
Charisma: Pflegt ihr dort Kontakte mit örtlichen Gemeinden?
Jan: Zu Gemeinden, die um den Müllberg herum sind, haben wir Kontakt. Mit den anderen Gemeinden weniger.
Charisma: Habt ihr das Essen dort gut vertragen?
Jan: Ja, wir haben alles gut vertragen. Wir haben dort auch geschlafen. Allerdings bekamen wir es auch mit sehr vielen Flöhen zu tun, so dass unsere Haut rot wurde von Flohstichen.
Charisma: Gibt es sonst noch etwas, was dir auf dem Herzen liegt und was du unseren Leserinnen und Lesern mitteilen möchtest?
Jan: Im November halten wir eine Konferenz in Hamburg zum Thema „Menschenhandel, Armut“ (www.jmem-konferenz.de). Mit unserer Jüngerschaftsschule „Marriage of the Arts“ wollen wir später in die ärmsten Länder der Welt gehen.
Jugend mit einer Mission ist in diesem Jahr 2010 nun 50 Jahre alt geworden. Wir beten und glauben für Wachstum. Hier im Wasserschloss in Herrnhut sind wir echt gesegnet. Wir hatten am Anfang keine Ahnung, wie wir das Haus füllen sollen. Wir haben gebetet – und Gott hat die Gebete erhört. Seit den bescheidenen Anfängen ist der Dienst enorm gewachsen. Der Unterricht findet oft draußen in einem Zelt statt, weil die Räumlichkeiten im Gebäude nicht ausreichen. Deshalb leben auch die meisten Mitarbeiter im Ort. Wir schauen, dass wir neue Projekte starten und neue Teams aussenden können.
Charisma: Vielen Dank, Jan.
– Die Fragen stellte Charisma-Herausgeber Gerhard Bially. –
Weiterführende Links: www.mission-live.de
http://ywamphotography.ning.com/profile/JanSchlegel