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Emerging Church - Eine kurze Einführung

Charisma 149 > Aus dem Magazin

Peter Aschoff
Emerging Church
Eine kurze Einführung

Dr. theol. Peter Aschoff, Vorsitzender der Alpha-Kurs-Bewegung in Deutschland, hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich in der „Denkerplattform“ über „Emerging Church“ eingebracht. Im „Kreis Charismatischer Leiter“ (KCL) wurde er gebeten, über dieses Thema zu referieren (Jahrestagung Dez. 2008). Für das Magazin „Equipped“ (Nr. 1/09) der Vineyard-Bewegung schrieb er einen Artikel darüber. Die folgende Einführung in die Thematik basiert auf diesen Beiträgen.

Wir reden hier weder von einer Theologie, noch einem Gemeindemodell oder einer Gottesdienstform – auch keiner irgendwie organisierten „Bewegung“, sondern von einem Gespräch unter Christen in einer äußerst bunten Zusammensetzung. Die Amerikanerin Phyllis Tickle benutzt ein hilfreiches Diagramm. Sie unterscheidet in der spätmodernen Christenheit vier Grundprägungen: Conservatives (Evangelikale, Bekenntnis- und „Bibeltreue“), Social Justice Christians (der politisch engagierte Flügel vor allem der Großkirchen), Renewalists (Pfingstkirchen und Charismatische Bewegung) und Liturgicals (z. B. orthodoxe Kirchen, Kommunitäten und Klöster):

Nun haben sich die Grenzen zwischen diesen Blöcken längst aufgeweicht. Es gibt Linksevangelikale wie Ron Sider, kontemplative Aktivisten wie Richard Rohr oder Thomas Merton, liturgische Charismatiker, dritte-Welle-Evangelikale und viele andere Mischformen. Die Schnittmengen bilden eine Art Kreuz:

Aber auch hier bleibt die Veränderung nicht stehen. In der Mitte entsteht ein Strudel, in dem sich alle vier Felder mischen. Und anders als im Abfluss der Badewanne steigt dieser Strudel nach oben. All diese Einflüsse sind nötig, um den Herausforderungen der veränderten gesellschaftlichen und religiösen Situation zu begegnen. Diese Herausforderungen sind sämtlich Folgen der Globalisierung: Der nie da gewesene weltanschauliche Pluralismus, die Relativierung einzelner Kulturen und die bislang ungelösten Fragen nach Gerechtigkeit, einem nachhaltigen Lebensstil und der friedlichen Lösung lokaler und internationaler Konflikte.
Der Protestantismus, der immer schon an Zersplitterungen litt, hat zum ersten Mal ein Zentrum – da wo sich früher die Ecken berührten und die Grenzlinien schnitten. Die herkömmlichen Strukturen boten dafür keinen Raum. Plötzlich entstanden diffuse Gebilde wie Hauskirchen ohne Konfession und Dachverband, Gemeindegründungen an ungewohnten Orten und neue monastische Kommunitäten. Sie lassen sich in keines der alten „Lager“ mehr verrechnen – und ecken damit auch hier und da kräftig an.

Vier Grundfragen tauchen dabei immer wieder auf in der Diskussion, und es sind die Fragen, die uns verbinden, nicht die Antworten, die es vielleicht in endgültiger und absoluter Form gar nicht geben wird:

1. Was ist das Evangelium?
Ungeachtet aller ideologischen Engführungen zur Rechten und Linken entdecken Menschen neu, dass Jesus mit dem Begriff „Reich Gottes“ persönliche und soziale Transformation gemeint hat. Die Frage ist nun weniger, wie Menschen „in den Himmel kommen“, sondern wie der Himmel zu den Menschen kommt. Gerade für junge Menschen ist das Evangelium nur dann eine gute Botschaft, wenn es eine echte Antwort auf globale Krisen (Armut, Klima, Frieden) erkennen lässt – und nicht nur vom privaten oder jenseitigen Glück handelt. Das Evangelium ist keine Lehrformel, kein System von Prinzipien zur Entsorgung von Schuld, kein Deal mit einem zornigen Despoten im Himmel, sondern das kosmische Drama der leidenschaftlichen Liebe Gottes zu seiner widerspenstigen Welt.

2. Was ist der Auftrag der Kirche?
Gott ist der erste Missionar, und er ist in Jesus in unsere Nachbarschaft gezogen. Und wozu das alles? Rob Bell und seine Mars Hill Bible Church haben das Motto „Joining God in the restoration of all things“ geprägt: Gott stellt die Welt wieder her und lässt uns mitmachen. Indem wir uns für Versöhnung einsetzen, den Armen gerechte Lebensverhältnisse ermöglichen und die Zerstörung der Natur stoppen. Und weil es nicht unsere Mission ist, können wir akzeptieren, dass Gott auch außerhalb der Kirchen wirkt. Das Ziel muss also nicht sein, alle „in die Gemeinde“ zu schleppen, sondern mit den unterschiedlichsten Menschen überall da zusammen zu leben und zu arbeiten, wo es um Gottes Ziele geht. Für christliche Gemeinden bedeutet das auch, dass man als Salz der Erde und Licht der Welt nicht zur Selbsterhaltung da ist, sondern dass Liebe sich aus freien Stücken verschenkt.

3. Wie kann Gemeinde aussehen?
Untersuchte man bislang Modelle und Prinzipien erfolgreicher (= großer) Gemeinden, um herauszufinden wie Gemeinde so „relevant“ und „attraktiv“ sein kann, dass Menschen bestimmter „Zielgruppen“ erreicht und für die Gemeinde gewonnen werden, so kehrt sich die Denkrichtung nun um: Wie kann Gemeinde dort entstehen, wo Menschen leben und arbeiten?

4. Wie finden wir zu einer ganzheitlichen Spiritualität?
Nicht wenige Christen leiden heute an geistlicher Bulimie: Sie konsumieren, ohne zu verdauen. Die Halbwertszeit christlicher Lieder wird immer kürzer. Die Sehnsucht nach „mehr“ ist da, aber echtes Wachstum bleibt oft aus. Vielleicht brauchen wir nicht mehr von dem, was wir schon haben. Vielleicht sollten wir von anderen lernen, zum Beispiel von den Klöstern oder auch den Christen der Ostkirche. Dort gibt es wertvolle Lektionen zum Thema Konsum und Verzicht, es gibt gesunde Rhythmen und Rituale, tiefgründige Symbole und eine reiche Liturgie. Das Tempo mag gemächlicher sein, aber das Wachstum ist vielleicht nachhaltiger.


Peter Aschoff


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