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Gedanken zur Gemeinde Jesu als besonderer Versammlung oder ekklesia

Charisma 149 > Aus dem Magazin

Johannes Reimer
Nicht von der Welt, aber in der Welt und für die Welt
Gedanken zur Gemeinde Jesu als besonderer Versammlung oder ekklesia

Gemeinde wird im Neuen Testament als Gemeinschaft der Versammelten beschrieben. Der griechische Begriff ekklesia wird im Neuen Testament 109-mal unmittelbar auf die Gemeinde Jesu als Versammlung bezogen. Außerbiblisch wurde der Begriff auch für die Vollversammlung der wahlberechtigten Bürger der griechischen Stadt, der polis, gebraucht. Diese politische Versammlung war nur den freien Bürgern einer Stadt zugänglich. So beschreibt ekklesia als sozio-politischer Begriff eine Gemeinschaft, die aufgrund einer besonderen Stellung und mit einer besonderen Verantwortung für das Wohl aller zusammengerufen wird.

Die politische ekklesia wurde einberufen, wenn es um das Wohl der polis, der antiken Stadt, oder auch in anderen Zusammenhängen um die Interessen einer bestimmten Gruppe von Menschen ging. Die Entscheidungen der wahlberechtigten Bürger hatten unmittelbare Konsequenzen für das Leben in der Stadt.

Diese Dimension des Begriffs in seiner Anwendung auf die Gemeinde Gottes zu übersehen, kann fatale Folgen haben. Als Versammlung der Erwählten Gottes kommt die ekklesia nicht nur als kultische Gemeinschaft zusammen, vielmehr entscheidet sie über alle Bereiche des menschlichen Daseins. Freilich betrifft diese Entscheidung zuerst das Leben innerhalb der Gemeinschaft des Volkes Gottes. Die spannende Frage aber ist, wie weit die Verantwortung des Gottesvolkes reicht. Sind die Entscheidungen der ekklesia rein intern, oder hat sie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung?

Die ekklesia des Neuen Testamentes ist nicht irgendeine Versammlung religiöser Menschen. Sie ist die ekklesia tou theou, die Versammlung Gottes. In ihm und in seiner Mission gewinnt sie die Begründung für ihre Existenz. Jesus sendet seine Gemeinde aus zu den Völkern, um diese zu Jüngern zu machen (vgl. Mt 28,19).

Wenn die ekklesia Verantwortung für die Welt hat, dann liegt der Sinn ihrer Zusammenkünfte und Entscheidungen darin, Gottes Willen für die Welt, seine Königsherrschaft und den Aufbau seines Reichs voranzubringen. In diesem Sinn soll sie sich zuerst den Belangen des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit annehmen (vgl. Mt 6,33). Was sie entscheidet, bleibt nicht folgenlos. Nimmt man der ekklesia diesen öffentlichen Charakter, dann gestaltet sich die Versammlung zu einer aus der Welt herausgerissenen Masse der um ihr eigenes Heil besorgten Menschen, die keine Verantwortung für die Welt mehr empfinden. Das wäre jedoch eine Verkennung des hier gebrauchten Bildes, denn der neutestamentliche Begriff meint die „zur Entscheidung versammelte Gemeinde“.

Ekklesia war in der antiken Welt ein ortsgebundenes Phänomen. Die polis oder griechische Stadt hatte klar umrissene geographische und kulturelle Grenzen. Ähnlich werden die christlichen Gemeinden im Neuen Testament als ortsgebunden gedacht. Ihre Bezeichnung erhalten sie nicht von ihren Gründern, sondern die geo-politische Lage gibt ihnen die Namen: Gemeinde in Rom, Ephesus, Philipi usw. Als Ortsgemeinden ist auch ihre Verantwortung primär ortsgebunden. Ein wesentliches Mittel, das zum Gelingen der Mission, Licht für die sie umgebende Welt zu sein, beiträgt, ist die kulturelle Adaption, um Menschen für Jesus zu gewinnen(vgl. 1 Kor 9,19–23). Dieses Inkarnationsprinzip bedeutet: Eine Gemeinde muss vor Ort kontextualisiert werden, damit sie den Menschen, unter denen sie lebt, verständlich und zugänglich erscheint!

„Herausgerufen“ (v. griech. ek-kaleo) darf also nicht im Sinne eines Abschieds von der Welt verstanden werden. Es geht um den Ruf zu einer Versammlung, die sich mit den Belangen der Mission Gottes beschäftigt. Diese Mission ist eine in der Welt und für die Welt. Sicher sind die Mitglieder dieser besonderen Versammlung, die die Gemeinde darstellt, der Welt, in der sie leben, enthoben. Sie sind nicht mehr von der Welt. Gemeinde ist eine Herausgerufene, aus der Finsternis zum Licht. Und doch ist sie in der Welt und für die Welt im Einsatz! Jesus betet für seine Gemeinde: „Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin … Wie du mich in die Welt gesandt hast, so sende ich sie auch in die Welt“ (vgl. Joh 17,16–18; 20,21). In der Welt und doch nicht von der Welt. Gemeinde Jesu hat eine Mission: Sie ist Gesandte, Botschafterin Gottes in einer Welt, für die sie ekklesia sein soll!

Die Konsequenzen, die sich durch das kurz skizzierte Begriffsbild der ekklesia für die Gemeinde Jesu hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Relevanz ergeben, sind unschwer auszumachen:

• Gemeinde Jesu besteht aus Menschen, die den Ruf Gottes gehört haben. Er hat sie aus der Welt der Sünde gerettet. In diesem Sinn leben sie nicht mehr in der Welt.

• Gemeinde Jesu steht als derart befreite Gemeinschaft im Dienst der Mission. Sie ist Botschafterin der Versöhnung, und Gottes Wille soll durch sie in der Gesellschaft erfahrene Wirklichkeit werden.

• Gemeinde Jesu ist eine ekklesiale und sozio-politische Größe vor Ort. Sie ist als Entscheidungsträgerin, als eigentlich Verantwortliche für die Mission Gottes in der Welt zu verstehen. Ihr Auftrag ist nicht nur, einzelne Menschen zur Nachfolge Jesu zu bewegen, sondern Völker zu Jüngern zu machen, womit sowohl eine spirituelle als auch sozio-kulturelle Veränderung oder Transformation im Sinne des Evangeliums gemeint ist.

• Gemeinde Jesu ist Verkündigerin einer Botschaft zur Versöhnung und Veränderung, und sie engagiert sich in allen Belangen menschlichen Lebens.

• Gemeinde Jesu ist als ortsgebundene Größe stark kontextualisiert und wird dem Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, um alle für Christus zu gewinnen.


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