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Gottes Geschichte kennen und erzählen

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Gottes Geschichte kennen und erzählen
Welche Art von Evangelium brauchen postmoderne Menschen?

Wie vermitteln wir einer neuen Generation das ewig gültige Evangelium? Wir hören und lesen, dass postmoderne Menschen in westlichen Ländern nicht mehr mit feststehenden Lehrsystemen zu erreichen seien, sondern in Erzählungen („Narrative“) hineinzunehmen seien. Die „Emerging Church“-Bewegung reagiert darauf mit der Forderung nach einer „narrativen Theologie“.

Ich persönlich bin von Grund auf kritisch gegen jeden Versuch, dass Evangelium an die neuste Strömung des Zeitgeistes anzupassen. Wenn ich das Neue Testament lese, scheint mir die Gemeinde Jesu nicht Heizer auf der Lokomotive der gerade herrschenden Kultur zu sein, sondern eher eine auf Gottes ewigen Wahrheiten aufgebaute Gegenkultur zu bilden, die in der jeweils gültigen Kultur immer irgendwo anecken wird. Aber trotzdem: Die Frage, auf welche Art und Weise ich heute den real existierenden Menschen das unveränderliche Evangelium von Jesus verständlich machen kann, ergibt sich aus dem Gebot der Liebe.

Vor kurzem las ich die Einführung des bekannten Pastors und Autors Timothy J. Keller zu seiner Vorlesung über Predigtlehre (Preaching the Gospel in a Post-Modern World, Reform Theological Seminary, Doctor of Ministry Program, January 2002). Dabei merkte ich plötzlich, dass die Forderung nach narrativer Theologie uns auf Wahrheiten stoßen kann, die wahr sind, weil sie eigentlich alt sind, und die wir daher neu dankbar aufgreifen sollten. Für Timothy Keller steht die Glaubwürdigkeit der Bibel und ihrer Lehren unverbrüchlich fest. Als Pastor einer New Yorker Großstadtgemeinde ist er aber mit meist jungen, hoch qualifizierten und gerade das heutige Denken repräsentierenden Menschen konfrontiert, denen er glaubwürdig und verständlich von Jesus sagen will. Keller erzählt, dass er in seinem Predigstil manche Anregungen der narrativen Predigtlehre aufgegriffen habe. Er sei aber zu dem Schluss gekommen, dass diese Anregungen zwar aus einem echten Bedürfnis entwickelt wurden, aber zu oberflächlich seien.

Keller selbst fand die Antwort im Rückgriff auf sehr alte Ansätze in der Predigtlehre, nämlich in der Forderung nach „heilsgeschichtlicher“ und „christozentrischer“ Art der Verkündigung (Keller, a.a.O., S. 9 f.)„
Der Ansatz des christozentrischen Predigens sieht die ganze Bibel im wesentlichen als eine große Geschichte („story“) mit einer zentralen Handlung: Gott erneuert die Welt, die in Eden verloren ging, indem er in die Geschichte interveniert, um eine neue Menschheit zu rufen und zu bilden. Diese Intervention hat ihren Höhepunkt in Jesus Christus, der für uns die Rettung bewerkstelligt, die wir für uns selbst nicht bewerkstelligen konnten. Zwar bietet nur eine kleine Zahl von biblischen Abschnitten die ganze Handlung; aber jeder Bibeltext muss in die ganze Handlung eingeordnet werden, damit man ihn richtig versteht. Anders ausgedrückt muss jeder Text gefragt werden: „Was sagt mir das über die Rettung, die wir in Christus haben?“, um richtig verstanden zu werden.

Dieser Ansatz rannte bei mir offenen Türen ein, zeigte mir aber, wie die eigentlichen Fragen des postmodernen Menschen tatsächlich gerade mit der Rückkehr zum „alten Evangelium“ zu beantworten sind. Der ewige Gott präsentiert uns ja in der Bibel tatsächlich Seine Geschichte mit der Menschheit. Dass heute Menschen diese Geschichte verstehen und sich durch Glauben in Gottes Geschichte mit hinein nehmen lassen, ist das Ziel christlicher Verkündigung – sei es in Predigten, in Büchern und Artikeln oder auch im ganz persönlichen Gespräch. Wir haben den Ansatz, der von der „narrativer Theologie“ gefordert wird, im ewigen Wort Gottes vorgegeben.

Die Frage bleibt dann, ob wir von Gottes Geschichte selbst mitgerissen sind und ob wir in unserer Weitergabe des Glaubens die richtigen Schwerpunkte setzen. Jeden Sonntag einen ausgeklügelten theoretischen Vortrag zu einem Hauptpunkt biblischer Dogmatik zu halten, mag eher in manchen amerikanischen Gemeinden Praxis sein. In Deutschland geht doch die Tendenz seit Jahren eher dahin, sich auf praktische Fragen der Lebensbewältigung zu konzentrieren oder auch darauf, wie der einzelne Christ innerlich heil, gesund und glücklich werden kann. Die „große Story“, also die Linien der Geschichte Gottes nicht nur mit der Menschheit, sondern mit dem ganzen Universum, fällt dabei leicht unter den Tisch.
Wie viele Christen in Deutschland können denn überhaupt in 10 Minuten dem eigenen nichtchristlichen Nachbarn die großen Linien der Geschichte Gottes nacherzählen: Vom Sündenfall über den neuen Anfang mit Noah und später mit Abraham sowie die Geschichte des Volkes Israel mit den prophetischen Hinweisen auf den Erlöser bis zu Tod und Auferstehung Jesu und dann weiter zu der Bedeutung der Wiederkunft Jesu für diese Welt. Natürlich wollen unsere Mitmenschen auch glaubwürdige Berichte darüber, wie sich diese große Geschichte in unserem kleinen persönlichen Leben auswirkt. Aber wenn der historische Rahmen fehlt, werden selbst die persönlichsten Zeugnisse untergehen im Knäuel verschiedenster religiöser Erfahrungen, mit dem moderne Zeitgenossen konfrontiert werden.

Für mich ist das Erzählen der Heilsgeschichte Gottes eigentlich nichts Neues. Mit meiner Familie lebe und arbeite ich seit über 10 Jahren missionarisch in der Türkei. Muslime, die mit dem christlichen Glauben konfrontiert werden, brauchen nicht nur eine gute Erklärung für manche biblische Lehre, wie z.B. die Gottheit Jesu oder die Bedeutung Seines Todes am Kreuz. Das brauchen sie auch, ebenso wie die Bestätigung durch glaubwürdige Zeugen, für die das Evangelium zum Erleben wurde. Aber Muslime, die in einer gänzlich anderen „Story“, einem anderen Erklärungsmuster für diese Welt, leben, brauchen unbedingt die großen Linien der Geschichte Gottes zur Rettung der Welt. Nur wenn sie hören, welche geschichtlichen Auswirkungen der Sündenfall hatte und wie Gott das Kommen des Messias durch das Volk Israel und dessen Propheten vorbereitete, kann ihnen deutlich werden, dass eben nur Jesus, so wie er war und handelte, das bis dahin unvollständige Bild vollenden und die schon seit langem gezogene Linie weiterführen konnte.

Also: Es wird Zeit, dass wir die Geschichte Gottes mit uns durch intensives Studium der Bibel und gute Bücher neu entdecken und davon begeistert werden. In Predigten und persönlichen Glaubensgesprächen kann dann wieder deutlicher werden, dass es nicht nur darum geht, dass ein paar Menschen etwas netter leben und nicht in die Hölle kommen, sondern letztlich darum, dass Gott recht behält vor allen sichtbaren und unsichtbaren Mächten und dass wir in dem kosmischen Kampf zwischen Jesus Christus und allem Widergöttlichen auf Gottes Seite dabei sein und siegen können. Und vielleicht werden unsere so „postmodernen“ Zeitgenossen uns plötzlich ganz verblüffend interessiert zuhören.


Zum Autor:
Wolfgang Häde lebt mit seiner Familie seit 10 Jahren in der Türkei, wo er in der theologischen Weiterbildung für Pastoren und Gemeindemitarbeiter tätig ist. Für Rückmeldungen und Anregungen ist er dankbar: whaede@swissmail.org

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