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Hand in Hand im Juli 2011

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Hand in Hand im Juli 2011

Ich habe meinen Arm um sie gelegt. Still weint sie vor sich hin. Vor uns eine Wand mit Bildern, Kopien von Fotos, die in den Koffern gefunden wurden. Familienfotos, Fotos lachender Menschen, Babys, stolze junge Männer auf Motorrädern, Hochzeitsfotos …

Es sind die einzigen Bilder fröhlicher Menschen an dem Ort, den man den vielleicht größten Friedhof der Welt ohne ein einziges Grab nennen kann: Auschwitz-Birkenau.

Es regnet unablässig, wir sind nass, es ist kalt und das mitten im Sommer 2011. Unvorstellbar wie Menschen vor fast 70 Jahren tagein, tagaus, Sommer wie Winter in der immer selben dünnen Kleidung lebten, vegetierten, starben …

Dascha ist 16 Jahre alt, Israelin. Hier hat sie vor Jahrzehnten bis auf einen einzigen Überlebenden ihre Familie verloren, ermordet in einer der Gaskammern oder als Arbeitssklaven gestorben, entkräftet durch Mangelernährung bei täglich 11 Stunden schwerster Arbeit. So genau weiß man es nicht. Ihre Spuren haben sich hier in Auschwitz verloren. Klar ist, sie kamen nie zurück. Es ist ihr sehr schwer gefallen, hierher zu kommen. Jeder Schritt durch die nassen Wiesen, den Matsch des aufgeweichten Bodens wird zu einem Schritt in die schreckliche Vergangenheit der eigenen Familiengeschichte. Jeder einzelne Schritt auf diesem Boden fiel ihr schwer und jetzt weint sie, hier vor der Bilderwand in meinem Arm. Was kann ich sagen? Nichts. Worte greifen zu kurz, können nicht trösten.

Sie ist Teil einer israelischen Gruppe, die gekommen ist, um sich dem Unaussprechlichen zu stellen, sich mit der Geschichte ihres Volkes und ihrer Familie auseinanderzusetzen. Das besondere daran ist, diese israelischen Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren sind nicht alleine hier. Zusammen mit deutschen Gleichaltrigen besuchen sie zwei lange Tage Auschwitz und Birkenau, den Ort des Grauens. „Yad b´Yad“, das heißt „Hand in Hand“ sind diese deutschen und israelischen Jugendlichen gemeinsam die Rampe von Birkenau entlang gelaufen. Sie wollen ein Zeichen setzen, dass Versöhnung möglich ist und die dritte, vierte Generation nach dem Holocaust eine Chance hat zu einer versöhnten, gemeinsamen Zukunft.

Für Dascha, für die dieser Ort eng mit der eigenen Familiengeschichte verbunden ist, war es besonders schwer zu kommen. Und beinahe wäre nichts daraus geworden. Während des Vorbereitungstreffens der israelischen und deutschen Jugendlichen in Deutschland war sie im Klettergarten 14 Meter tief abgestürzt. Der vor ihr kletternde Jugendleiter hörte ihren Schrei und als er sie am Boden liegen sah, dachte er, sie sei tot. Die Ärzte im Krankenhaus fanden keine Erklärung dafür, dass keinerlei innere Verletzungen und keine Brüche festzustellen waren; lediglich leichte Abschürfungen am Handgelenk. Kopfschüttelnd meinte ein Arzt: Du musst einen ganz besonderen Engel haben.

Das sollte wohl so sein. Sie musste einfach kommen, zusammen mit ihren israelischen und den neu gewonnenen deutschen Freunden. Zusammen hatten sie das Stammlager Auschwitz besucht, die Glasvitrinen mit Koffern, beschriftet mit deutschen Adressen, Koffer ohne Besitzer…

Fast unerträglich war es, die Berge von Frauenhaar zu sehen, tausende von Schuhen, in denen einmal ein Mensch gelaufen ist. Hatte ein Paar dieser Schuhe auch einem ihrer Familienangehörigen gehört? Babykleidung und Kinderschuhe berühren besonders, es fließen viele Tränen. Unglaublich zu sehen, wie auch israelische Jugendliche die deutschen in den Arm nehmen und trösten … die Urenkel der Opfer trösten die Urenkel des Volkes der Täter.

Während der Vorbereitungszeit wohnte Dascha bei Sophie. Auch deren Familiengeschichte ist direkt mit Auschwitz verbunden. Ihre Vorfahren hatten eine Firma, welche die Aufzüge in den Krematorien des Vernichtungslagers baute. Sophie hatte Angst vor der Begegnung mit jungen Israelis. Und dann wohnt auch noch eine bei ihr, deren Familie dort ermordet wurde, wo die eigenen Vorfahren dadurch Geld verdienten. Wie ist es möglich, dass beide Freundinnen wurden und wortwörtlich „Hand in Hand“ nicht nur die Rampe entlang, sondern auch stundenlang über die nassen Wege und Wiesen gemeinsam gehen?

An der Gaskammer beteten sie als Gruppe gemeinsam das „Kaddisch“, eines der wichtigsten Gebete im Judentum, in Hebräisch und auf Deutsch. Und sie lasen in beiden Sprachen aus der jüdischen Bibel, unserem Alten Testament, aus dem Propheten Hesekiel die Vision von der Auferstehung der Totengebeine.

Sie wollen eine gemeinsame, eine versöhnte Zukunft und haben für sich entschieden, es kann nur hier beginnen, an diesem Ort des Grauens. Und einen Neuanfang können sie nur gemeinsam schaffen, „Yad b´Yad“, Hand in Hand.

Ich, selbst Vater von zwei Töchtern, bin froh, dass sie gekommen sind und ich die Gruppe begleiten darf. Es berührt mich sehr, zu erleben, wie sie sich einlassen, auseinandersetzen, über Trauer und Zorn, Schuld und Vergebung sprechen und oft auch nur sprachlos sind. Dem Engel von Dascha bin ich besonders dankbar, dass der lebensgefährliche Absturz im Klettergarten Dasha nicht abhalten durfte, zu kommen.

Meinen Arm um sie gelegt betrachten wir die Bilder der Menschen, die einmal waren, bevor sie hier ihr Leben ließen. Noch immer weint sie leise. Und auch ohne Worte weiß ich, dass sie an ihre Familie denkt. Es regnet unaufhörlich, so als weinte der Himmel mit.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt haben diese Jugendlichen mit ihrem gemeinsamen Besuch hier etwas ganz großartiges getan: Hand in Hand haben sie eine Türe geöffnet in eine gemeinsame Zukunft. Als die Gruppe Birkenau verlässt, reißt der Himmel wie zum Zeichen der Bestätigung auf und die Sonne kommt endlich durch, zum ersten Mal nach zwei Tagen.


Franz Biebl


Zum Autor:
Franz Biebl, Pastor der Josua-Gemeinde Frankfurt, leitet als Vertreter des Philippus-Dienstes jeden Sommer die deutsch-israelische Jugendbegebnung Yad b‘Yad in Auschwitz-Birkenau leitet.

FOTOS und eine persönliche Stellungnahme der beiden zitierten Jugendlichen Sophie und Dasha finden Sie
hier.

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