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Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten

Charisma 145 > Aus dem Magazin

„Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten …“


Zum Verständnis der Krankensalbung


Der weit hinten im Neuen Testament angesiedelte Brief des Halbbruders Jesu, Jakobus, enthält eine Anweisung für das Verhalten im Krankheitsfall: Der Kranke soll Verantwortliche der Gemeinde bitten, für ihn mit Ölsalbung zu beten. Dabei bleibt auch die Möglichkeit der Beichte nicht unerwähnt. Die damit verbundene Verheißung lautet, dass der Herr den Kranken wieder aufrichten wird.

Nirgendwo wird gesagt, dass die charismatische Dimension der Gemeinde Jesu Christi eines Tages versiegen werde. Aber im Laufe des 3. bis 5. Jahrhunderts vollzog sich langsam eine Bewusstseinswandlung von der urkirchlichen Auffassung, die
Heilung sei Gottes Wille, hin zu der später dominierenden Auffassung, die Krankheit sei Gottes Wille. Das wurde noch verstärkt durch die offizielle lateinische Bibelübersetzung, die sogenannte Vulgata, die an dieser Stelle des Jakobusbriefes den lateinischen Begriff salvo (retten) gebrauchte. Da die Vulgata eineinhalb Jahrtausende die offizielle Bibelübersetzung der katholischen Kirche blieb, übte sie einen nachhaltigen Einfluss auf das Verständnis der Krankensalbung und damit auch der Krankenheilung aus.

In den ersten Jahrhunderten der Christenheit muss es wohl so gewesen sein, dass es zwei Arten der Salbung gab: Die eine konnte vom Kranken selbst oder von Verwandten und Freunden ausgeführt werden, die andere – in Verbindung mit der Beichte – blieb dem Bischof oder dem Priester vorbehalten. Zu dieser Zeit diente die Krankensalbung also noch der Kranken
heilung. Während der karolingischen Liturgiereform im 9. Jahrhundert wurde die Krankensalbung durch Laien allerdings abgeschafft.

ImMittelalter gab es dann zwei Schulen mit jeweils unterschiedlichen Deutungen des Jakobus-Wortes: Die eine Schule sprach sich dafür aus, dass die Krankensalbung zunächst körperliche Heilung bewirken solle (Vertreter: Hugo von St. Victor, Papst Alexander II., Wilhelm von Auxerre u.a.). Die andere Schule sah den geistlichen Primäreffekt der Krankensalbung in der Sündenvergebung (Vertreter: Petrus Lombardus, Albert der Große, Thomas von Aquin, Bonaventura, Duns Scotus u.a.). Für sie war die Krankensalbung das Sterbesakrament (Letzte Ölung). Der ehemalige Dominikanerpater und Theologieprofessor Francis MacNutt schreibt dazu: „Die einflussreichen theologischen Schulen der Dominikaner und Franziskaner lehrten von nun an, dem Kranken dürfe die Ölung nur dann gespendet werden, wenn der Tod unmittelbar bevorstehe und keine Hoffnung mehr auf Genesung bestünde.“

Zwar hatte der deutsche Reformator Luther Anweisungen gegeben, wie mit Kranken nach Jakobus 5 zu beten sei (siehe Kasten), doch in der immer noch übermächtigen römisch-katholischen Kirche hielt man weiterhin an der „geistlichen“ Sicht der Letzten Ölung fest.

Zu einer wirklichen Neubesinnung kam es erst, nachdem Papst Johannes XXIII. die gesamte katholische Christenheit aufgefordert hatte, während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) erneut um die Wunder von Pfingsten zu bitten. Die begrüßenswerte Rückkehr zu den Ursprüngen der Krankensalbung fand ihren Niederschlag in einem Dokument, das am 1. Januar 1974 in Kraft trat. Darin wird deutlich, dass die Krankensalbung heute wieder dem ausdrücklichen Zweck der
Heilung des ganzen Menschen dient. Diese Neuorientierung ging einher mit einem charismatischen Aufbruch innerhalb der römisch-katholischen Kirche. Die „katholischen Pfingstler“ (wie sie sich anfangs nannten) trafen sich in Gebetsgruppen und erlebten ganz praktisch die Kraft des Heilungsgebetes. So ist also „die Bewusstseinsveränderung innerhalb der katholischen Kirche (…) nicht nur theoretischer Natur, sie beruht auf der Erfahrung von Menschen, die erleben, dass Kranke durch Gebet geheilt werden.“

Gerhard Bially



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