Jesus Christus bezeugen ─ Im Dienst der Versöhnung. Die Initiative „Wittenberg 2017“

Jesus Christus bezeugen ─ Im Dienst der Versöhnung. Die Initiative „Wittenberg 2017“

Die Apostelgeschichte berichtet von der Pfingstpredigt des Apostels Petrus (Apg 2,17). Er zitiert den Propheten Joel: „In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben“. (Joël 3,1-5)

Mit solchen „Träumen und Visionen“ begann die Initiative „Wittenberg 2017“ (vgl. www.wittenberg2017.eu). In mehreren Träumen begegnete Amy Cogdell Verantwortlichen verschiedener christlicher Kirchen mit dem Auftrag, sich mit ihnen zu versöhnen. Ebenso traf sie die Bitte des Herrn um Einheit und der Schmerz über die fehlende Gemeinschaft in der Eucharistie. Im Jahr 2010 kam Thomas Cogdell „zufällig“ nach Wittenberg und entschied sich, schon jetzt einen Raum zu mieten für ein Gebetstreffen am Reformationstag 2017.

Gemeinsam im Dienst der Versöhnung

Aus solchen Impulsen entwickelte sich der Gedanke, zur Vorbereitung auf das Reformationsgedenken im Jahr 2017 Schritte zur Versöhnung zu tun. Aus dem Anfangsimpuls entstand ein Netz von Verknüpfungen. „Wittenberg 2017“ konnte anknüpfen an die überkonfessionellen „Versöhnungswege“, die Friedrich Aschoff und Albrecht Fürst zu Castell 1994 ins Leben gerufen hatten, um an Orten besonderer Gräuel der Nazi-Herrschaft stellvertretend Buße zu tun und die Nachkommen der Opfer um Vergebung zu bitten. Es bestanden Verbindungen zu dem überkonfessionellen christlichen Missionswerk „Antioch Network“ (www.antiochnetwork.org), das 1987 von Hanna und George Miley begründet worden war, dazu kam der Kontakt mit der überkonfessionellen Initiative „Weg der Versöhnung – Runder Tisch Österreich – Initiative für Einheit im Leib Christi“ (www.versoehnung.net). Ebenso engagierten sich einige Schwestern von der Evangelischen Marienschwesternschaft Darmstadt in der Initiative „Wittenberg 2017“.

Weitere Personen aus unterschiedlichen christlichen Kirchen und Gemeinschaften schlossen sich an; die Gruppe wuchs auf 20-30 Personen. Sie wollten einmal im Jahr, angefangen mit 2012, für ein paar Tage zusammenkommen, um an bedeutsamen Orten der Reformation Wege zur Versöhnung zu gehen. Dort, wo Christen schuldig geworden waren an ihrem Auftrag, Christus als den einen Herrn der Kirche zu bezeugen, wo sie sich gegenseitig bekämpft, verurteilt oder gar ums Leben gebracht hatten, sollten die historischen Ereignisse bewusst gemacht und aufgearbeitet werden. Das sollte zu stellvertretender Buße, zur Bitte um Vergebung und so zur Versöhnung im vielfach gespaltenen Leib Christi beitragen.

Bald zeigte sich, dass man die Reformation und ihre Folgen nicht in den Blick nehmen kann, ohne auch an die früheren und späteren Kirchenspaltungen zu erinnern, vor allem die erste zwischen Judenchristen und Christen aus den Nationen. So war es folgerichtig, dass sich auch Messianische Juden und ebenso auch Repräsentanten der nach der Reformation entstandenen Kirchen und Gemeinschaften an „Wittenberg 2017“ beteiligten.

Unterwegs nach Wittenberg

Ein erstes Treffen mit etwa 25 Personen fand im Oktober 2012 in Ottmaring im Haus der Focolare statt. Es diente der Vergewisserung des Auftrags und der Themenfindung. Das biblische Bild von der Vorbereitung der Braut auf die „Hochzeit des Lammes“ begleitete uns von da an durch die folgenden Jahre.

Das zweite Treffen war im Oktober 2013 mit etwa 40 Personen im Haus der evangelischen Jesus-Bruderschaft von Gnadenthal in Volkenroda/ Thüringen. Dort wurden wir mit dem Thema des lutherischen Judenhasses und mit dem „Entjudungsinstitut“ der Nazis in Eisenach konfrontiert. Die Schuld des Antisemitismus und die Thematik der Versöhnung mit Israel begleitete uns von da an weiter. Das biblische Motiv der „beiden Söhne“ in ihrer Unversöhnlichkeit nahmen wir in die folgenden Treffen mit.

Das dritte Treffen im Mai 2014 führte uns nach Trient, wieder in ein Haus der Focolare, mit etwa 50 Teilnehmern. Das Konzilsgeschehen, die gegenseitigen Verurteilungen, der Einfluss der Politik und die Judenpogrome boten Anlass zur geschichtlichen Aufarbeitung, Buße und Vergebungsbitte. Das Urbild der göttlichen Einheit in der Dreifaltigkeit und die entsprechende Ikone von Rubeljev blieben für den weiteren Weg präsent.

Das vierte Treffen war im Oktober 2015 in Rom. Der geistliche Missbrauch mit dem Ablasswesen, die Reformunwilligkeit der Kirche, die von Maleachi angekündigte Versöhnung von Vätern und Söhnen sowie das Verhältnis zwischen den Verheißungen an Jerusalem und den Anspruch Roms waren Themen der historischen Vergewisserung, der Buße und des Gebetes. Dazu kam ein bewegender Gottesdienst über den Katakomben des Callixtus, in welchem acht Geistliche unterschiedlicher Kirchen den Mitfeiernden und einander die Füße wuschen, sich Gott als Gabe anboten und den Segen des Heiligen Geistes erflehten ‒ ein Bild der Einheit im Gebet und gegenseitigen Dienst der Versöhnung.

Das fünfte Treffen fand im Juni 2016 in Wittenberg mit etwa 150 Teilnehmern statt. Am Ursprungsort der Reformation wurde über die Beziehung zwischen Israel und der Kirche gesprochen, die „Perlen“ der verschiedenen Kirchen als gemeinsamer Besitz sollten zum Leuchten kommen, aber auch Fehlentwicklungen in der Zeit nach der Reformation in der evangelischen wie in der katholischen Kirche waren Anlass zu Buße und Gebet.

Das sechste und letzte Treffen war im November 2017, unmittelbar nach dem Christusfest am Reformationstag in Wittenberg. Diesmal kamen zu den etwa 150 Teilnehmern noch weitere 150 Kinder und Jugendliche aus der deutsch/ österreichischen Gruppe KisiKids (www.kisi.org), die mit Liedern und Konzerten eine geistliche Mission verwirklichen. Neben der Weiterführung der biblisch-theologischen Themen von Einheit und Dreiheit in Gott und der Vorbereitung der Braut Kirche für die endzeitliche „Hochzeit des Lammes“ war ein ganzer Tag dem Thema der Täuferbewegung gewidmet. Die weithin in Vergessenheit geratene Schuldgeschichte beider großen Kirchen an diesen Märtyrern, die um ihrer Glaubensüberzeugung willen verfolgt, vertrieben und ums Leben gebracht wurden, kam in mehreren bewegenden Zeugnissen zur Sprache. Stellvertretende Buße, Bitte um Vergebung und Gesten der Versöhnung mit den heute lebenden Nachfolgegemeinschaften der Täufer prägten den Tag. Das Treffen schloss mit einem eindrucksvollen Gottesdienst am Sonntag, welchem sieben Repräsentanten der verschiedenen Kirchen gemeinsam vorstanden und in Dank, Fürbitte und Selbstverpflichtung zum weiteren Dienst an der Versöhnung im Leib Christi den langen Weg nach „Wittenberg 2017“ beschlossen. Am Ende stand der Appell, nach den Erfahrungen des Weges nach „Wittenberg 2017“, der alle Beteiligten in diesen fünf Jahren geprägt und verändert hat, sich unter der Führung des Geistes weiter in den Dienst der dringlichen Bitte des Herrn zu stellen, „damit sie eins sind wie wir eins sind“ (Joh 17,22).

Text: Weihbischof em. Dr. Franziskus Eisenbach
Foto (von Prof. Dr. Hans-Peter Lang): GGE-Vorsitzender Henning Dobers spricht am Melanchthon-Denkmal in Wittenberg, Nov. 2017 (man beachte die Inschrift!)

ANMERKUNG  DER  REDAKTION:
Einen ausführlicheren Bericht zu dem letzten Treffen der Initiative Wittenberg 2017 hat Dr. Eisenbach für unsere Quartalszeitschrift Charisma geschrieben, die Mitte Dezember erscheinen wird.

geschrieben von: Redaktion

 

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