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„Wenn nun euer Salz kraftlos wird …“
Das Evangelium soll nicht der Zuckerguss auf die Sünden der Welt sein, sondern es soll den Geschmack des Ganzen verändern und es soll nicht „kraftlos“, sondern kraftvoll in dem Sinne sein, dass es etwas bewirkt, dass es „die Werke des Teufels zerstört“.
Ich habe in einer alten, von Mäusen angenagten Kiste, einen Briefverkehr zweier thüringischen Pfarrer von 1934 gefunden. Der eine will den Eid auf den „Führer“ und auf den neuen thüringischen Nazibischof verweigern und lieber aus der Kirche rausfliegen, als sich und sein Gewissen statt an Gott an Menschen zu binden.
Der andere dagegen will sich anpassen und begründet das so: „Solange ich in dieser Kirche noch das Evangelium frei predigen darf, solange ordne ich mich der nun einmal bestehenden Obrigkeit unter und bleibe in dieser Kirche.“
Aber was war das für ein „freies Evangelium“ in dieser Zeit? War es ein Evangelium für die verfolgten Juden? War es ein Evangelium für die verhafteten und im KZ gefolterten Kommunisten? War es ein Evangelium für die Schriftsteller, deren Bücher öffentlich verbrannt wurden? War es ein Evangelium für die verhafteten Pfarrer, gegen die zwangsweise Vereinnahmung der kirchlichen Jugend durch die Hitlerjugend, für die von der Euthanasie bedrohten Geisteskranken, für die Wehrdienstverweigerer, für die beim Röhm-Putsch widerrechtlich Ermordeten?
Nein, sicher nicht, sonst hätte jener Pfarrer schnell gemerkt, dass er ganz und gar nicht frei war, „das“ Evangelium zu predigen. Er hätte sofort Predigtverbot bekommen oder wäre selbst ins KZ gekommen, wie die beiden Wuppertaler Pfarrer, die nach einer Bombennacht durch alliierte Bomber gepredigt hatten, dies sei das Gericht Gottes über Deutschland.
Ein „Evangelium“ ohne Kontext, ohne Kraft, ohne Bezug zu dem, was um uns herum und an uns geschieht – das ist ein frommer Elfenbeinturm, ja gefährlicher noch: es wird zur frommen Begleitmusik gespenstischer Realitäten.
Dietrich Bonhoeffer, der zu dieser Zeit (1934) den Austritt aus der ev. Kirche erwog, hatte genau das verstanden. Und der spätere Dichter des heute oft gesungenen Liedes „Von Guten Mächten wunderbar geborgen…“ rief seiner Kirche damals zu: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“.
Aber sie sangen gregorianisch, ohne für die Juden zu schreien, und die Nazis hatten nichts dagegen. Im Gegenteil: Tausende von Pfarrern predigten unbehelligt im Dritten Reich „das Evangelium“ von Kreuz und Auferstehung, vom Guten Hirten und vom „Vater unser“ usw. Kein Problem. Die Wehrmacht beschäftigte Wehrmachtspfarrer, die 1940 mit in Paris einmarschierten und 1941 mit in Russland.
Ich fürchte: Im Heer des Antichristen wird man einmal „das Evangelium“ predigen und vielleicht sogar das „Vater unser“ beten. Solange niemand sagt: „Der Antichrist ist der Antichrist und die, die ihm folgen und gehorchen werden mit ihm untergehen – solange hat der Antichrist nichts gegen die Predigt „des Evangeliums.“
Diese Erkenntnis hat mich sehr nachdenklich gemacht.
Matthias Warnke
P.S.: Das Evangelium nicht nur als Privaterlösung zu verstehen, sondern im Kontext der Lehre vom Reich Gottes (der Hauptbotschaft Jesu), daran arbeitet z. Z. die Charisma-Redaktion für die nächste Printausgabe. Sie können sich schon jetzt ein Exemplar reservieren lassen. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an: kundenservice@charisma-verlag.de
Zum Autor:
M. Warnke studierte evangelische Theologie und Jura. Geprägt von der Jesus-People-Bewegung leitete er in den 1980er Jahren die Rhema-Gemeinde in Darmstadt. Heute wirkt er als Rechtsanwalt in Wuppertal.