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Mein Besuch bei UATA in Mbeya
von Dietrich Meyer
Ich habe meinen Arm um sie gelegt. Still weint sie vor sich hin. Vor uns eine Wand mit Bildern, Kopien von Fotos, die in den Koffern gefunden wurden. Familienfotos, Fotos lachender Menschen, Babys, stolze junge Männer auf Motorrädern, Hochzeitsfotos …
Die kirchliche Situation in Tanzania ist ausgesprochen vielfältig und schwer zu überschauen. Das Land ist etwa zur Hälfte muslimisch mit abnehmender Tendenz, zur andern Hälfte christlich mit steigender Tendenz, wobei die katholische den größten Teil, die lutherische und die anglikanische Kirche einen größeren Teil der Christen ausmachen. Aber auch die Herrnhuter Brüdergemeine hat über eine halbe Million Mitglieder. Schwierig zu überschauen ist der immer größer werdende Anteil der charismatisch geprägten Christen, unter denen die Assemblies of God sicherlich die größte Gemeinschaft bilden. Unabhängig von diesen Kirchen gibt es zahlreiche Evangelisten, die keiner Kirche angehören, die selbstständig Mission treiben und Christen aus allen Konfessionen anziehen. Daneben gibt es Bewegungen, die eine kirchliche Reform und Belebung anstreben. Ich nenne nur zwei: New Life in Christ und UATA (Uamscha Tanzania = Erweckung in Tanzania).
Im Folgenden möchte ich kurz meinen Besuch in einem Gottesdienst von UATA in Mbeya schildern, den ich mit einem Studenten am Sonntag, den 19. Juni, nachdem wir uns vorher angemeldet hatten, unternahm. Die Gemeinde versammelt sich täglich, am Sonntag um 14 Uhr bis zum Abend, in der Woche am Abend, und für alle, die Zeit haben, auch schon am Nachmittag. Die Gottesdienstbesucher ziehen sich die Schuhe aus und setzen sich auf Teppichen auf den Boden. Stühle und Bänke gibt es nicht. Ich fühlte mich an eine Moschee erinnert. Da die Besucher aus allen Kirchen kommen, kann man erst nachmittags zusammenkommen, um den Besuch am Vormittag in der eigenen Kirche zu ermöglichen. Als wir den Raum etwa eine halbe Stunde nach dem offiziellen Beginn um 14 Uhr und nach einem Vorgespräch mit den Verantwortlichen betraten, war der Gottesdienstraum bereits voll besetzt, etwa 400 Menschen. Zu unserer Begrüßung standen sie auf und sangen ein Lobpreislied, wobei sie nicht nur tanzende Bewegungen machten, sondern regelrecht hochsprangen und sichtlich Freude an der Bewegung hatten.
Der Gottesdienst wird nicht von einem Pfarrer geleitet, sondern von mehreren Nichttheologen. Man sagte uns, dass das einzige Ziel dieser Nachmittagsgottesdienste die Vertiefung in die Bibel sei. Viele Christen kennen die Bibel zu wenig, nicht jeder hat eine Bibel. Die Ansprachen der einzelnen Redner dauerten höchstens 10 Minuten und waren sehr persönlich gehalten. Wir wurden immer wieder angesprochen. Uns Herrnhutern zuliebe wurde die Ansprache immer wieder von dem Ruf "Das Lamm hat gesiegt" unterbrochen, und die Gemeinde antwortete laut: "Laßt uns ihm folgen". Gewöhnlich heißt die Aufforderung: "Der Herr sei gepriesen!" und die Gemeinde antwortet: "Halleluja!"
In den Kurzansprachen wurden kleine Bibelabschnitte durch einen anderen Bruder versweise gelesen. Der Redner hat diese Abschnitte nicht wirklich erklärt, sondern mit seinen eigenen Worten wiedergegeben und verdeutlicht. Ich hatte den Eindruck, dass es den Rednern einfach darum ging, die Bibelworte in das Herz der Hörer zu legen. Die Anwesenden sollen mit der Bibel vertraut werden und in der Bibel leben. Zwischen den Ansprachen wurde jeweils sehr lebendig gesungen, mit Begleitung durch eine laute große Trommel und viel Bewegung. Man hatte mir erzählt, dass die Trommel in den Missionsgemeinden zunächst verboten wurde, weil sie an heidnische Feste erinnerte. Als ich das erwähnte, musste man lachen. Das konnten sie kaum glauben. Offensichtlich empfanden sie den wirklich lauten Gebrauch der Trommel, den man auch außerhalb des Versammlungsraums gut hören konnte, als ein Zeichen echten Lebens und afrikanischer Freude.
Ich wurde aufgefordert, zur Gemeinde zu sprechen und erinnerte die Gemeinde an diesem Trinitatisfest daran, dass uns Gott in Jesus Christus ganz menschlich erschienen ist. Gottes Geheimnis der Dreieinigkeit ist uns zugänglich nur in Jesus, unserem Bruder und Freund. Auch wenn wir das Geheimnis des dreieinen Gottes mit unserem Verstand nicht wirklich begreifen können, in Jesus ist Gott uns nah. Ihn verstehen wir. Nach einer guten Stunde meinte man, wir dürften nun gehen. Die Versammlung ging aber noch lange fort. Man erfrischte uns noch mit einer kühlen Cola und oder Fanta. Dann verabschiedeten wir uns herzlich. Die Versammlung wurde von einer natürlichen Fröhlichkeit geprägt, die ansteckend und sympathisch war.
Zum Autor:
Dr. theol. Dietrich Meyer war viele Jahre Direktor des Archivs der Rheinischen Kirche in Düsseldorf und gründetet gemeinsam mit Gerhard Bially das "Archiv der charismatischen Erneuerung", das jetzt in Herrnhut beheimatet ist.