Mediathek > Charisma-Online-Archiv > Text der Woche
Nagende Zweifel
"Wenn jemand dessen Willen tun will, wird er innewerden, ob diese Lehre von Gott ist." (Johannes 7,17)
Wer glaubt, leidet unter der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis, Anspruch und Wirklichkeit, Bekenntnis und Erlebnis, Sein und Sollen, Wollen und Können. Er leidet, weil das, was in der Bibel steht nicht geschieht. Nicht immer ist uns der Himmel offen, der Herr nahe, der Glaube selbstverständlich.
Je mehr unser Glaube nicht zu funktionieren scheint, umso mehr klagen wir andere Christen an, die daran Schuld zu sein scheinen. An Gott kann es nicht liegen - also muss es an den anderen liegen oder an mir. Ich müsste mehr beten usw. - so kommt eine Unzufriedenheit mit uns und mit anderen in unser Leben.
Da sagt Luther dagegen: "peccate fortiter" - sündigt tapfer drauflos. Er meint damit: Lasst euch nicht lähmen, handelt so gut ihr könnt, selbst auf das Risiko zu sündigen und zu irren. Denn Gewissheit des Glaubens gibt es nur im Handeln, wenn man den Willen tut, des Vaters im Himmel - dann wird man innewerden. Im Ausprobieren, im Glaubenswagnis, im Glaubensexperiment: Nimm das Wort und probier es aus.
Als ich Zweifel hatte, berieten mich gutmeinende Freunde - es half überhaupt nichts. Einer empfahl Glaubensabstinenz, damit ich wieder Hunger bekomme. Einer empfahl ein gutes Buch. Andere empfahlen eine Fasten- und Gebetsfreizeit. Andere gaben mir vollmächtige Kassetten (was da drauf war, kannte ich schon alles).
Was mir half war, als ich gebeten wurde, in der Zeitschrift Charisma einen Artikel über die Jesus-People-Erweckung zu schreiben. Es forderte mich heraus. Ich beschäftigte mich mit den großen Taten Gottes, die ich ja selbst miterlebt hatte und die mir dadurch wieder lebendig vor Augen traten - ich wurde gebraucht und beschäftigte mich aktiv "mit den großen Taten Gottes" - ich gab etwas von mir, und es wurde mir gegeben.
Ähnlich ging es mir als ich als Schüler Krankenhausgottesdienste mitgestaltete. Ungern ging man samstagsnachmittags in das Krankenhaus, wo es so steril roch.
Aber als der Gottesdienst begann, als wir mit den Kranken sprachen, für sie sangen, beteten und von unserem Glauben erzählten und viel Dank bekamen - da gingen wir jedes Mal froh und im Glauben gestärkt wieder raus.
Kennst du einen Menschen, dem du etwas geben kannst? Einen Dienst für Gott, den du tun kannst? Gibt es etwas, was du weitergeben kannst? Dann tue es, und du wirst innewerden, dass Gott mit dir ist.
Das ist das Geheimnis von Mutter Teresa gewesen: sie hatte als junge Nonne große Zweifel und sah viel Dunkelheit - aber als sie tausenden von Menschen in Indien Hilfe brachte und körperlich und geistlich diente - bekam sie dieses Leuchten auf ihr faltiges Gesicht, dass wir von den Bilder kennen.
Wir wollen nicht ausgebrannt und von Zweifel gelähmt sein, wir wollen ein inneres Leuchten lebendigen Glaubens in uns tragen. Wie geht das?
Adrian Plass schreibt: "Trotz meines Glaubenszusammenbruchs machte ich weiterhin bei den christlichen Fernsehsendungen mit. Manche wunderten sich darüber, aber ich kann nur sagen, dass es über einen längeren Zeitraum hinweg der beste Anker war, den ich hatte." (Himmelsleiter, 1992)
Zwei Menschen sind auf einer Winterwanderung im Gebirge am Erfrieren. Es lässt sich beinahe ausrechnen, wann sie tot sein werden. Beide sind erschöpft in den Schnee gesunken und wollen nur noch Ruhe - aber Liegenbleiben wäre der Tod. Da rafft sich der eine noch einmal auf und beginnt, den anderen zu reiben. Durch das Reiben wird er selber warm, die Kräfte erwachen wieder zum Leben. Beide rappeln sich noch einmal hoch. Sie gehen um die nächste Wegbiegung des Waldes - und sehen vor sich die Lichter des nahen Dorfes im Tal. So werden sie beide vom sicheren Tode errettet.
Paul Jaeger schreibt dazu: "Das gilt genauso vom innersten Leben des Menschen. Ist die Seele in der kalten Not und Sorge in Gefahr zu erstarren und den Wert des Lebens fahren zu lassen, so kann es nur einen Rat geben: Raffe dich auf und handle!
Es wäre freilich bequemer, wenn der Mensch in anregender Disputation und Wechselrede oder mit einem guten Buche in der Hand Herr seiner Zweifel werden könnte. Aber nirgends im Neuen Testament ist den Christen ein Privileg der Bequemlichkeit zugesichert.
Nur um alles in der Welt nicht stillsitzen und hinstarren im dumpfen Brüten, sondern handeln, handeln, handeln!" Das ist richtig: Wenn es dir schlecht geht, kümmere dich um andere, denen es noch schlechter geht. Geben macht selig und wird zur beseligenden Glaubenserfahrung.
"Wer dessen Willen tut, der wird innewerden…"
Jesus liebt dich und wird dir begegnen, in der Nachfolge mit ihm auf der staubigen Straße zu denen die leiden. Dort wirst du Gott finden.
Es gibt keine Glaubenssicherheit (securitas), aber es gibt Glaubensgewissheit (certitudo). Möge Gott sie dir erneuern.
Matthias Warnke
Zur Person:
M. Warnke studierte evangelische Theologie und Jura. Geprägt von der Jesus-People-Bewegung leitete er in den 1980er Jahren die Rhema-Gemeinde in Darmstadt. Heute wirkt er als Rechtsanwalt in Wuppertal.