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Vom Opfer der Geschichte zum Täter des Wortes

Charisma 145 > Aus dem Magazin

Vom Opfer der Geschichte zum Täter des Wortes

Im Februar dieses Jahres kam es im süddeutschen Wüstenrot zu einer Begegnungstagung ganz besonderer Art: Etwa 20 messianisch-jüdische und arabisch-christliche Leiter sowie etwa 30 deutsche geistliche Leiter waren zusammengekommen, um bestehende Kontakte zu vertiefen und sich gemeinsam geistlichen Themen zu widmen. Damit folgten sie der Einladung des „Elia“-Kreises um Christoph und Utta Häselbarth und des „Philippus-Dienstes“ von Bernd und Susanne Wustl. Was als Ergebnis dabei herauskam, beschreibt Werner Geischberger, Mitarbeiter des „Philippus-Dienstes“:

Es gibt wohl kaum Beziehungen, in denen das klassische Täter-Opfer-Muster mit seinen schmerzhaften Folgewirkungen, Schuldzuweisungen und Aversionen so präsent ist wie in den Beziehungen zwischen Juden und Deutschen und Juden und Palästinensern. Medienberichte vergegenwärtigen uns beinahe täglich, wie Hass, Rache, Isolation und Gewalt diese Beziehungen bis heute prägen. Auch wenn seit etlichen Jahren Umkehr und Versöhnung immer mehr Raum gefunden haben, bleibt die Beziehung zwischen Juden, Deutschen und Palästinensern, die an Jesus glauben, doch noch immer weit hinter der Ziel-vorgabe des Neuen Testaments zurück: einer gemeinsamen
neuen Schöpfung in Christus, in der laut Galater 6,15 weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas gilt.

Väter und Mütter in Christus


Dass es möglich ist, jenseits von Klischees und Stereotypen aufeinander zuzugehen, zeigt das sogenannte „Israelisch-Deutsche Väter- und Müttertreffen“, zu dem mit dieser Tagung nun schon zum dritten Mal eingeladen wurde. Starke Beziehungen entstehen, wenn Juden, Palästinenser und Christen vor Gott ehrlich werden, ihre eigene Historie aufarbeiten und sich in der Liebe Jesu füreinander öffnen.

Eine Frucht des ersten Väter- und Müttertreffens war der israelisch-deutsche Jugendaustausch „Yad B’Yad“, der nun schon mehrere Jahre erfolgreich unter dem organisatorischen Schirm und der finanziellen Trägerschaft des „Philippus-Dienstes“ durchgeführt wird (vgl.
Charisma 136, S. 30 f.).

Geistlicher Vater und geistliche Mutter kann nur sein, wer sich selbst von der Vaterliebe Gottes getragen weiß und darin seine Sicherheit findet. Im Verlauf der Tagung wurde aus Anbetung, Zeugnissen, Lehrimpulsen und prophetischem Reden heraus deutlich, wie vaterlos unsere jeweiligen Völker sind. Die Deutschen seien „ein Volk mit gebrochenem Urvertrauen“, beschrieb es ein Teilnehmer. Die jüdische Nation sei „durch Vaterlosigkeit regelrecht definiert“, sagte der israelische Pastor Evan Thomas. Der Holocaust verstärke diesen Eindruck und erzeuge – zusammen mit anderen schmerzlichen Erfahrungen der Geschichte – in den Juden das Gefühl, ständig Opfer zu sein. Wer sich jedoch nur als Opfer wahrnehme, klage schließlich nicht nur andere an, sondern neige auch dazu, eigenes Fehlverhalten zu rechtfertigen. Auch palästinensische Christen räumten ein, ebenso von einem Opferdenken geprägt zu sein. Zu oft erleben sie sich als Bürger zweiter Klasse, abgelehnt von den eigenen Volksgenossen, die muslimischen Glaubens sind.

Heraus aus der Opferrolle


Natürlich sind Juden und auch Palästinenser historisch gesehen Opfer. Doch durch Prozesse der Buße, Vergebung, Heilung und Versöhnung kann diese Last bei Christus abgelegt und ein neues Kapitel aufgeschlagen werden. Opfer-Sein spricht von Ohnmacht, denn ein Opfer kann nichts bewirken. Aber das ist nicht unsere Bestimmung in Christus!

Von teils tiefen Emotionen begleitet, erlebten die Teilnehmer – Palästinenser, Juden und Deutsche –, welche Freiheit die Erkenntnis bewirkt, dass Christus unsere Opferrolle beendet hat. In gemeinsamen Zeiten des Gebets und gegenseitigen Segnens ermutigten sie einander, diese Wahrheit persönlich zu ergreifen und nicht länger durch Hilflosigkeit, Scham oder Kompensation durch die eigene Stärke gebunden zu werden. Im Zusammensein erlebten die Vertreter aller drei Völker, dass man einander in echter Demut und auf Augenhöhe begegnen und frei von schlechtem Gewissen als Geschwister annehmen kann, wenn die eigene Opferrolle aufgegeben und Heilung erlebt wird.

Am Ende der Tagung stand auch nicht die Frage: „Was können wir als kleine Gruppe schon ausrichten?“, sondern die innere Gewissheit: Wir haben gemeinsam eine innere Freisetzung erlebt und gesehen, welche geistliche Dynamik damit in Gang gesetzt wird. Trennmauern wurden niedergerissen, wir sind der neutestamentlichen Wirklichkeit des „einen neuen Menschen“ aus Juden und Nichtjuden (vgl. Epheser 2,14) ein Stück näher gekommen.


Wenn geistliche Verantwortungsträger in Deutschland und Israel nicht mehr dem Opferdenken verhaftet bleiben, sondern ihre eigene Identität als Versöhnte in Christus annehmen, können sie selbst Täter des Wortes Gottes und Botschafter der Versöhnung sein, die mit offenen Herzen und offenen Armen auf andere zugehen. Diese neuen „Rahmenbedingungen“ helfen uns, gemeinsam in Israel und in Deutschland das Reich Gottes zu bauen und segensreich für unsere Völker zu wirken.


Werner Geischberger


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