Eine Heldin des Höchsten

Eine Heldin des Höchsten

Nachruf auf die Indienmissionarin Huldah Buntain

Mit dem Revelation Song nach Offenbarung 5,12-13 ging die Gedächtnisfeier für Huldah Buntain (1924–2021) nach mehr als drei Stunden zu Ende: Mit der ganzen Schöpfung singe ich Lobpreis für den König aller Könige. Du bist alles für mich und ich anbete dich. In Huldahs Leben waren diese Worte Realität geworden.1

Gemeinsam mit ihrem Mann Mark und der gerade erst geborenen Tochter Bonnie war sie 1954 als Missionarin nach Kalkutta2 gegangen. Der ursprünglich für ein Jahr geplante Einsatz wurde schließlich zum lebenslangen Vollzeit-Engagement. Es waren kleine Anfänge mit Zeltevangelisation unter dem Motto: Christ is the Answer (Christus ist die Antwort). Oft war es so, dass Mark predigte und Huldah Akkordeon spielte. Eigentlich hatte sie nie einen Missionar heiraten wollen, denn als Tochter von Missionaren in Japan kannte sie dieses entbehrungsreiche, mit bescheidenem Einkommen verbundene Leben. Aber als ihr Vater Mark in seine Gemeinde einlud, verliebte sie sich in diesen jungen, dynamischen Prediger. Mit 20 Jahren heiratete sie ihn 1944.

Der Wendepunk im Dienst für den Herrn kam bei Mark, als ein Bettler in eine seiner Zeltevangelisationen hineinplatze und laut rief: „Pastor, unsere Mägen sind leer. Gib uns etwas zu essen, bevor du zu uns predigst!“ Das war der Start des großen karitativen Werkes der Buntains mit Gründung von Schulen, Ernährungsprogramm und dem Bau eines großen Krankenhauses, dem jetzigen Mercy Hospital, das 1977 eröffnet wurde.

Mark und Huldah waren sehr verschieden. Während er sein Gegenüber direkt fragen konnte: „Bist du errettet?“, fragte sie: „Hast du, hat deine Familie heute schon etwas gegessen?“ Als Team waren beide ein wunderbarer Segen. Ich erinnere mich an die Begegnung mit Mark Buntain vor vielen Jahren in Kalkutta, bei der er uns das Missionswerk erläuterte, das Hospital zeigte und wir an einem Morgen das Speisungsprogramm für Tausende miterleben durften. Dieser Mann Gottes lebte authentisch. Er war „Ergriffen von Barmherzigkeit“, wie seine von Douglas Wead verfasste Biografie treffend heißt.

Die Begegnungen der Buntains mit Mutter Teresa waren von Anerkennung, Liebe und Respekt geprägt. Hier die Pfingstpastoren, dort die katholische Ordensschwester – drei Engel der Liebe und Barmherzigkeit in den Straßen und Slums von Kalkutta. Angesichts der Herausforderungen und Nöte von Indien im Allgemeinen und der Megacity in Westbengalen im Besonderen traten theologische Unterschiede in den Hintergrund.

1989 kam Mark Buntain nach Lüdenscheid zur FCJG und übergab dort symbolisch den Staffelstab an die jüngere Generation. Das war etwas eigenartig, denn dieser 66-Jährige strahlte noch immer Energie und Dynamik aus. Er sagte – und das ist auf dem Youtube-Video von der Gedächtnisfeier in einer eingespielten Filmsequenz in deutscher Übersetzung zu hören3: „Dieses Jahr – das habe ich mehr als einmal gesagt – geht meine Zeit zu Ende.“ Wenige Tage nach diesem eindrücklichen Gottesdienst nahm ihn Gott am 4. Juni 1989 zu sich in sein Reich. Auf seinem Grabstein steht: „Ein Freund Gottes“.

Nun stand Huldah alleine da. Zunächst wollte sie in Trauer versinken – doch dann gab ihr Gott neue Kraft und auch dank der Ermutigung von Freunden begann sie mit 64 Jahren ihren eigenen Dienst – den sie bis zu ihrem Tod als 96-Jährige ausführte. „Aunty“, wie sie liebevoll genannt wurde, baute die Kirche, deren Pläne schon auf Marks Schreibtisch gelegen hatten, predigte das Evangelium von der tätigen Liebe Gottes in vielen Ländern und sammelte unermüdlich Spenden für das große Werk – auch mit E-Mails, Telefonaten und auf Wohltätigkeitsveranstaltungen.

Ich erinnere mich, dass Dr. Huldah Isobel Buntain – so ihr voller Name – als über 90-jährige an einem Sonntagvormittag in Düsseldorf im Jesus-Haus eine bewegende Botschaft predigte, die Herz und Hand erreichte. Danach durfte ich sie mit meinem Auto zu ihrem nächsten Einsatz beim Nachmittagsgottesdienst in der New Life Church von Pastor Richard Aidoo fahren. Wenn man dieser Heldin des Höchsten begegnete, musste man unwillkürlich an das Wort aus Jesaja 40,31 denken: Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Unter ihrer Leitung wuchs der Dienst in Indien auf über 700 Kirchen, Hunderte von Grund- und Sekundarschulen, Bibel- und Berufsschulen sowie Kinderheime an. Auch das Ernährungsprogramm wurde erweitert. Das Krankenhaus hat mittlerweile mehr als 2,2 Millionen Patienten versorgt, davon 40 % kostenlos. Huldah: „Wir können nicht die ganze Welt verändern, aber wir können die Welt von einzelnen Menschen verändern.4

Die eingangs erwähnte Gedächtnisfeier – passenderweise überschieben mit Celebration of Life (Feier des Lebens) – fand am 18. August 2021 im Life Center in Tacoma, WA (USA), statt. Die Beiträge von ihrer Familie mit Tochter Bonnie, Schwiegersohn Dr. Jim Long und Enkeln sowie von Pastoren und Vertretern der Assemblies of God, denen sich die Buntains angeschlossen hatten, waren reich an Anekdoten, aufgelockert durch Filmsequenzen aus dem Leben der Buntains; sie waren zum Lachen, rührten zu Tränen und vermittelten tiefe geistliche Einsichten.

Bewegend, aufrüttelnd und wortmächtig der Beitrag von Dr. Solomon Wang, den die Buntains aus einem Slum Kalkuttas geholt und im christlichen Glauben erzogen hatten.5 Heute ist er Pastor in der Organisation Convoy of Hope, die sich in Krisengebieten dieser Welt engagiert.6

Das eingangs erwähnte Schlusslied der Gedächtnisfeier wurde übrigens von Pastor Velters Berkeley gesungen. Auch er war in einem Slum von Kalkutta aufgewachsen und durch den Dienst von Mark und Huldah aus großer Armut („Sogar die Armen bezeichneten uns als arm!“) gerettet worden; er ist jetzt Hauptpastor des International Christian Center in Elk Grove, Kalifornien. Pastor Velters Berkeley und Dr. Wang sind nur zwei von vielen tausend Menschen, in deren Leben Huldah und Mark wunderbare Spuren des Segens hinterlassen haben. Was für ein Lebenswerk!

Huldahs letzte Worte, bevor sie am 2. Juli d. J. im Alter von 96 Jahren im Kreis ihrer Lieben friedlich einschlief, waren: „Haltet Liebe untereinander!“ und „Das Werk muss weitergehen!“

Helmut Brückner

Endnoten:

1 Diese eindrückliche Feier kann man nachhören und -sehen unter: https://www.youtube.com/watch?v=xz67nX7IVI0.

2 Im Jahre 2001 wurde die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Westbengalen offiziell in Kolkata umbenannt, was dem bengalischen Namen entspricht.

3 Ab 54:45 min in dem unter Endnote 1 genannten Link.

4 So wird sie auf der Webseite ihrer Organisation Calcutta Mercy zitiert. Dort ist ihr Nachruf treffend überschrieben mit: „Woman of Courage, Woman of Compassion“ (Frau mit Courage, Frau mit Mitgefühl); https://www.calcuttamercy.org/

5 In seiner Rede nahm er u. A. Bezug auf drei Bücher von und mit Huldah Buntain: Woman of Courage (Frau mit Courage), Pathway to the Impossible (Der Weg zum Unmöglichen) und Treasures in Heaven (Schätze im Himmel). Empfehlenswert ist auch das 2014 auf Deutsch erschienene Buch: Das Unvorstellbare wurde Wirklichkeit. Verlag Teamwork.

6 https://convoyofhope.org/disaster-services/convoy-of-hope-responds-to-indias-covid-19-crisis/?__cf_chl_jschl_tk__=pmd_DKe_cOc0JACWAbrdBe_APXmw.Do.P1vAqDGpKf44nbk-1629569380-0-gqNtZGzNAiWjcnBszQnR

Autorenbeschreibung:

Der Geograph Helmut Brückner hat über die Entwicklung der Küstenlandschaften Indiens geforscht. Als langjähriges Mitglied der Inter-Mission interessiert er sich seit Jahrzehnten für diesen Subkontinent.

geschrieben von: Redaktion

 

Autor Beschreibung

Redaktion

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